Dead Nerd

Dead Nerd

Inhalt

Dead Nerd oder Wie ich lernte, das Leben vor dem Tod zu lieben

Das Leben vor dem Tod kann auch ganz nett sein, merkt der fünfundzwanzigjährige Informatikstudent Roland, als er eines schönen morgens die Tür öffnet und durch seine dicken Brillengläser einen skelettierten Mann mit Umhang und Sense erblickt. Dieser stellt sich als "der Tod" vor und berichtet Roland, dass er über Nacht gestorben sei.

Als der Tod das bisher äußerst langweilige Leben des schmächtigen Computerfreaks in der winzigen Kellerwohnung betrachtet, hat er Mitleid. Er gibt ihm, weil er noch viel zu tun hat, eine Woche Aufschub. Roland soll die Möglichkeit haben, Dinge zu erledigen, die ein Mann im Leben getan haben sollte.

Zusammen mit seinem peinlichen Kumpel Ulf und dem zynischen Tod geht Roland auf eine abenteuerliche Reise in das wirkliche Leben abseits von Bits und Bytes.

Links

Leseprobe

Kapitel 1: Der ungebetene Gast

Das Klingeln an der Wohnungstür des kleinen Kellerappartments riss Roland sehr unsanft aus dem Schlaf. Noch bevor er seine Augen nur einen spaltbreit öffnete, verzog er sein Gesicht zu einer säuerlichen Grimasse. Wer wollte ihn mitten in der Nacht aus seinem wohlverdienten Schönheitsschlaf wecken? Es war doch sicher erst drei Uhr morgens. Als sich Roland kurz an den gestrigen Freitag erinnerte, fiel ihm ein, dass er bis mindestens halb vier an seinem PC gesessen hatte. Dann war es eben bereits fünf Uhr in der Früh. Das war keine Zeit, zu der Roland geweckt werden wollte. Das zweite, diesmal etwas energischere Klingeln, veranlasste Roland, sich die Bettdecke über den Kopf zu ziehen. Seinen Augen tat die Dunkelheit gut, die sich dank der Decke über ihn legte. Als er langsam immer mehr erwachte, fiel ihm die Helligkeit im Raum auf. Normalerweise gab es kein Tageslicht, das um fünf Uhr morgens durch die Jalousien des schmalen Kellerfensters fiel. Vorsichtig zog er die Decke ein wenig zurück und schielte mit dem rechten Auge in Richtung des Weckers. Roland konnte sich keinen Reim darauf machen, wieso sich 13:27 Uhr anfühlen konnte wie fünf Uhr morgens. Er schob die Bettdecke beiseite und kletterte aus seinem Futonbett. Vom Nachttisch nahm er seine Brille, die mit einem dicken, schwarzen Gestell versehen war, und setzte sie sich etwas umständlich auf die Nase. Den Wecker hatte Roland aus dieser Entfernung gut erkennen können, aber bis zur Tür reichte seine Sehkraft bei Weitem nicht aus. Das lag nicht an der großen Entfernung zur Wohnungstür, diese war vom Bett aus keine drei Meter entfernt, sondern an den 8,5 Dioptrien, mit denen er schon seit seiner Kindheit gestraft war. Beim dritten Klingeln, das schon fast in ein nervtötendes Dauerschellen überging, erhob sich Roland schleppend und rief: "Ist ja gut. Ich komme ja schon."
Mit rot-weiß karierten Boxershorts und schwarzem Tour-T-Shirt einer Heavy-Metal-Band bekleidet, schlurfte Roland durch den Raum. Er öffnete die Tür in der Erwartung, einen Paketboten mit seiner letzten Bestellung bei einem Hardwareversand anzutreffen. Verwundert sah er die eigenartige, zwei Meter große Gestalt an. Sie trug einen dunklen Umhang mit Kapuze. Darunter erkannte Roland einen schwarzen Totenschädel mit gelblich leuchtenden Augen. Die Hände, welche eine Sense umklammert hielten, waren skelettiert, wirkten aber sehr authentisch.
"Halloween ist doch erst in zwei Monaten, oder?", fragte Roland schließlich etwas verdutzt.
"Ja, das stimmt", dröhnte eine äußerst tiefe Stimme. Dazu bewegte sich passend der Unterkiefer des Schädels. Roland bewunderte die detailgetreue Darstellung des Skeletts. Der Kopf musste eine Art Animatronic sein, wie sie auch bei den Figuren in Geisterbahnen der Freizeitparks eingesetzt werden.
"Ich habe aber gestern alle Süßigkeiten aufgegessen", sagte Roland schließlich. Zwar stimmte das nicht ganz, aber wieso sollte Roland einfach seine Süßigkeiten hergeben? Schließlich war er Student und hatte nicht viel Geld. Er arbeitete ein paar Tage im Monat in einem Elektronikladen und beriet die Kunden in technischen Fragen. Das Bisschen, was Roland besaß, wollte er nicht auch noch mit einem dahergelaufenen Spinner in einem Halloweenkostüm teilen, ganz egal, wie aufwendig die Animatronic auch war. Sollte der Freak sich doch eine normale Arbeit suchen.
"Ich bin wegen dir hier, Roland. Nicht wegen irgendwelcher Süßigkeiten", dröhnte er mit tiefer Grabesstimme.
"Woher kennen Sie meinen Namen?", Roland wurde stutzig, doch plötzlich lächelte er. "Bist du das, Ulf? Mann, das Kostüm ist zum Fürchten gut. Der absolute Hammer."
Roland trat einen Schritt zur Seite und öffnete die Tür, soweit es ihm möglich war.
"Komm schnell rein", sagte Roland mit einer einladenden Geste. "Wir wollen doch nicht, dass dich der alte Knacker aus dem Erdgeschoss sieht. Der würde sicher sofort einen Herzinfarkt bekommen."
Mit nur drei großen Schritten stand das Skelett mitten im Raum. Roland schloss hastig die Wohnungstür und umrundete erstaunt seinen Gast.
"Hast du das selbst gebastelt oder gekauft, Ulf?", wollte Roland wissen. "Sieht teuer aus."
"Ich bin nicht dieser Ulf. Ich bin der leibhaftige Tod", dröhnte es aus dem dunklen Schädel.
Für einen Moment herrschte Stille. Danach verfiel Roland in schallendes Gelächter.
"Ja sicher, Ulf", prustete er. "Du bist der leibhaftige Tod. Alles klar."
"Du Narr!", reif die Stimme, "Ich bin der Tod. Du bist heute Nacht gestorben und musst mich ins Totenreich begleiten."
Roland krümmte sich vor Lachen. Ihm rannen Tränen über die Wangen, als er keuchend nach Luft schnappte.
"Hör auf, Ulf. Ich kann nicht mehr."
"Jetzt wird es mir aber zu bunt," donnerte die Gestalt urplötzlich. "Es gibt viele Menschen, die nicht glauben wollen, was sie sehen, aber so etwas Begriffsstutziges wie dich erlebe ich selten. Je mehr Vertrauen sie in die Technik setzen, umso weniger wird man ernst genommen."
Roland stutzte, als er das hörte. Was sollte dieses Geschwafel von Ulf? Langsam könnte er ihm mal zeigen, wie diese Animatronic funktionierte.
"Komm schon, Ulf. Zeig mir lieber mal, wie du in dem Kostüm steckst, und wie du es bedienst."
Die Gestalt im Kapuzenmantel war mehr als nur empört. Die Augenhöhlen des Schädels begannen, intensiv zu leuchten.
"Seit dem Mittelalter hat sich so viel verändert. Ihr Menschen seid einfach ignorant geworden."
Mit diesen Worten öffnete die Gestalt ihren Umhang und entblößte ein fast schwarzes Skelett. Außer den Knochen erblickte Roland … nichts.
Was war das denn für ein cooler Trick? Rolands Mund stand vor Staunen weit offen.
"Wahnsinn!", sagte Roland und ging auf das Skelett zu. "Wie geht das denn, Ulf?"
Er fasste an die Rippen und schob seine Finger dazwischen, in voller Erwartung, er würde seinen Freund und Kommilitonen ertasten, der in dunkler Kleidung mit Skelettaufdruck steckte, doch er griff ins Leere.
Nach einer Schrecksekunde wich Roland mit offenem Mund langsam rückwärts bis zu seinem Bett zurück und starrte dem Skelett in die leuchtenden Augenhöhlen.
"Ach du Scheiße!", war das Einzige, was Roland leise hervorbrachte, als er sich langsam auf die Matratze setzte.
"Ich muss doch sehr bitten. Die meisten Menschen nennen mich einfach: den Tod."
In Rolands Hirn manifestierte sich ein Gedanke, den er nicht für möglich gehalten hatte. Gerade er war als Informatikstudent keiner, der an übernatürlichen Hokus-Pokus glaubte.
"Bist du echt?"
"Ja."
"Bin ich tot?"
"Ja", antwortete der Tod ebenso trocken.
"Wie? Ja?"
"Welchen Teil von Ja hast du denn nicht verstanden, Roland?"
"Wie kann ich tot sein? Ich bin doch jung und sitze hier in meiner Wohnung. Wenn ich auf einer Autobahn liegen würde oder auf dem Meeresgrund, würde ich das sicher verstehen, aber so ...", sagte er mit zitternder Stimme.
"Ich kann deine Verwirrung verstehen. Du bist an einer seltenen Erkrankung deiner Organe verstorben. Letzte Nacht, um genau zu sein."
"Was ist das denn für eine Krankheit?"
"Woher soll ich das wissen?", entgegnete der Tod trocken.
"Du weißt nicht, woran ich gestorben bin?", fragte Roland empört.
"Sehe ich vielleicht wie ein Arzt aus?"
"Äh … nö. Nicht wirklich", sagte Roland, als er den Tod noch einmal von oben bis unten musterte.
Wie konnte das sein, dass er, der noch so jung war, aus dem Leben scheiden musste? Er war geschockt und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sie wirbelten in seinem Kopf hin und her wie ein Schwarm Mücken, der an einem schwülen Sommerabend einen Tanz vollführte.
Die Sekunden verstrichen wie Stunden, in denen Rolands Leben vor seinem geistigen Auge vorbeizog. Lange hatte das nicht gedauert, weil er bisher nicht wirklich viel erlebt hatte. Nachdenklich sah er am Tod vorbei zu seinem kleinen, zugemüllten Schreibtisch. Die letzten Jahre hatte er viel Zeit an seinem Computer verbracht. Nicht, dass er das nicht gewollt oder genossen hatte. Er hatte sich allerdings für später noch sehr viel vorgenommen. War er wirklich schon tot? Falls ja, war sein ganzes Studium der Informatik völlig umsonst. Wozu hatte er so viel gelernt und programmiert? Hätte er die Zeit nicht sinnvoller nutzen können? Wenn er vor ein paar Jahren gewusst hätte, dass er nicht älter als fünfundzwanzig werden würde, hätte er sich dann für einen anderen Lebensweg entschieden? Sicher hätte er das.
Der Tod blickte wissend auf ihn herab.
"Die Antwort ist: Nein", sagte er gelassen.
"Nein?"
"Genau."
"Die Antwort worauf?"
"Die Antwort darauf, ob man noch was daran ändern kann", erklärte der Tod.
"Oh", sagte Roland verdutzt. "Aber das wollte ich doch gar nicht fragen."
"Doch wolltest du."
"Äh … nein."
"Glaub mir, Roland. Das fragen sie alle."
"Oh", entgegnete Roland geistesabwesend. Der Mückenschwarm zog wieder seine Kreise.
Der Tod griff mit der freien Skeletthand in den anderen Ärmel und holte eine kleine, bläulich schimmernde Murmel hervor. Roland war leicht irritiert von dem leuchtenden Gegenstand, den der Tod geschickt zwischen den Spitzen seiner fünf Knochenfinger hielt.
"Jetzt wollten wir doch mal sehen, wo deine Reise hingeht", sagte er und dreht die Hand so, dass die Murmel nach oben zeigte. Ein intensives Glühen ließ die Murmel von Sekunde zu Sekunde wachsen. Sie vergrößerte sich Millimeter um Millimeter und hörte erst auf, als sie gerade noch in die große Knochenhand passte. Aus der Murmel war, zu Rolands erstaunen, eine Glaskugel geworden, deren Oberfläche sich zu bewegen schien.
"Was ist das denn?", fragte er mit großen Augen, die durch seine dicken Brillengläser noch viel größer wirkten.
"Das, mein lieber Roland, ist eine Lebenssphäre. Sie zeigt mir, wie dein bisheriges Leben verlaufen ist. So kann ich sehen, wie dein … sagen wir … Ruhestand verlaufen wird, den du heute antreten wirst."
Der Tod richtete seine gelblich glühenden Augen auf das Gebilde in seiner Hand, in dem plötzlich Bilder auftauchten und kleine Lichter aufblitzten. Nach ein paar Sekunden war alles vorbei und die Kugel wurde schwarz. Sie verkleinerte sich wieder, und der Tod steckte sie wortlos zurück in seinen Ärmel. Kurz darauf drehte er sich um und inspizierte die kleine Wohnung. Danach schüttelte er ungläubig seinen Schädel.
"Es ist wirklich eine Schande. Du hast noch nicht ansatzweise etwas erlebt und sollst schon abtreten", sagte der Tod schließlich. "Manchmal hasse ich meinen Beruf."
Roland blinzelte erstaunt. Was sollte das denn bedeuten? Hatte der Tod jetzt etwa Mitleid mit ihm?
"Junge", sagte der Tod schließlich, "du hast ja noch gar nichts erlebt. Du hängst hier ständig in deinem Kellerloch vor deinem Computer und hast noch nichts von der Welt gesehen."
"Aber", stotterte Roland, "das stimmt doch nicht. Ich gehe auch mal mit meinem Kumpel Ulf aus."
"Ja, ins Kino. Das ist doch nicht das wahre Leben, Roland."
"Und was ist das wahre Leben? Ein Reihenhaus mit Gartenzaun?"
"So einfach kann man das nicht sagen. Das wahre Leben muss man für sich entdecken. Erst wenn man es wirklich lebt, spürt man es", sagte der Tod, schwenkte mit theatralischer Geste die freie Hand und blickte dabei gedankenverloren an die Decke. Roland folgte seinem Blick und sah … Raufasertapete.
Das war nicht gerade das, was er als Antwort erwartet hatte.
"Nun", sagte der Tod nach einer Pause, "du hast Glück, Kleiner."
"Glück?"
Roland verstand die Welt nicht mehr. Und diesmal noch weniger als sonst.
"Ich habe noch sehr viel zu tun. Zwar bin ich ein vielgestaltiges Wesen, aber auch ich habe meine Grenzen."
"Vielgestaltig? Was soll das denn bedeuten."
"Das heißt, dass ich an mehreren Orten gleichzeitig tätig bin. Das kann sehr stressig sein. Auch wenn du dir das nicht wirklich vorstellen können wirst."
"Du meinst, du bist so eine Art Borg-Kollektiv?", sagte Roland lächelnd.
"Tja", entgegnete der Tod verblüfft, "so ungefähr. Aber das tut jetzt nichts zur Sache. Ich kann dir eine Woche Aufschub gewähren. Mehr ist leider nicht drin."
"Eine Woche bloß?", sagte Roland traurig.
"Jetzt werd mal nicht sentimental", antwortete der Tod etwas schroff. "Es gibt Lebewesen, die eine weitaus geringere Lebenserwartung haben. Eintagsfliegen zum Beispiel."
"Na super. Ich bin für diesen Vergleich sehr dankbar", sagte Roland mit einer gewissen Portion Galgenhumor. Er wunderte sich selbst über seinen aufkommenden Sarkasmus. Aber was sollte ihm jetzt noch passieren? Jetzt, wo er doch wusste, dass er keine sechsundzwanzig mehr werden würde.
"Pass auf. Ich gebe dir einen wichtigen Rat", sagte das Skelett und hob den knöchernen Zeigefinger. "Lebe das Leben in dieser einen Woche, als wäre sie deine Letzte. Was sie ja auch ist … irgendwie."
Roland blickte die Kaputzengestalt fragend an.
"Lass es mich so ausdrücken: Erledige in dieser Woche alles, was ein Mann in seinem Leben getan haben sollte."
"Das da wäre?"
Der Tod legte den Kopf schief, als verstünde er nicht, was der todgeweihte Student daran nicht begriffen hatte.
"Na, was wird das wohl sein? Jedenfalls keine LAN-Partys. Ich meine eher etwas wie: Sportwagen fahren, Fallschirm springen oder die Nacht mit einer Frau verbringen."
Roland sprang entsetzt auf die Beine.
"Woher weißt du das?", fragte er empört.
"Was?"
"Dass ich noch nie mit einem Sportwagen gefahren bin?"
"Die Lebenssphäre", sagte der Tod und tippte mit einem Knochenfinger auf seinen Ärmel.
"Ach ja", sagte Roland und sackte wieder auf seinem Bett zusammen. Das Leben, wie er es kannte, hatte sich für ihn komplett gewandelt. Aber vielleicht war es auch nur das, was er bisher Leben nannte. Vielleicht hatte das übergroße Hundebuffet mit Sense und Umhang recht und es gab noch viel interessantere Dinge, als die Weiten des Internets vom Schreibtisch aus zu erkunden?
"Wir bleiben in Kontakt, Roland. Ich werde mich zwischendurch bei dir melden, damit ich deine Fortschritte sehe. Enttäusche mich bloß nicht", sagte der Tod und löste sich anschließend in einem Nebel auf, der unter ihm zu entstehen schien. Die Konturen des Umhangs wurden durchlässig.
"Vergiss nicht", sagte der Tod noch, kurz bevor er sich ganz auflöste, "du darfst mit niemandem darüber sprechen. Sonst muss ich dich auf der Stelle in das Totenreich holen."
Ein kurzes Zischen ertönte und der Nebel verschwand so schnell, wie er entstanden war.
Nachdem er sich in den linken Unterarm gekniffen hatte und dabei Schmerzen verspürte, war er sich absolut sicher, dass dies kein Traum gewesen sein konnte. Roland ließ sich mit dem Oberkörper nach hinten auf sein Bett zurückfallen und starrte gedankenverloren an die Decke. Das musste er erstmal verdauen.