Die Neduras Saga

Die Neduras Saga

Inhalt

Alle 6 Folgen (inkl. bisher unveröffentlichtem Epilog)

  1. Das Dorf der Verdammten
  2. Pagal
  3. Windhauch der Unsterblichkeit
  4. Das Artefakt
  5. Die Feuer des Krieges
  6. Die Münze des Schicksals

Inhalt (Folge 1)

Der junge Kleriker Nolan wird von Meister Kelvar in ein kleines Dorf im Norden von Neduras geschickt, um das Verschwinden mehrerer Bürger aufzuklären. Ihm zur Seite stellt Kelvar zwei erfahrene Krieger. Weder Nolan noch seine beiden Mitstreiter bemerken, in welcher Gefahr sie sich befinden, bis das Dorf von einer Meute hungriger Wölfe eingeschlossen wird. Zusammen mit den letzten Überlebenden suchen sie einen Ausweg ... doch aus dem Dorf gibt es kein Entkommen.

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Leseprobe

Auszug aus Folge 1

Der Morgen war kalt und sehr nebelig. Die Nebelschwaden hingen wie eine dicke Brühe zwischen den Bäumen des Waldes, durch den wir auf einem kleinen Trampelpfad ritten. Es war erstaunlich ruhig in diesem Wald. Die einzigen Geräusche kamen von uns und unseren Pferden. Man war es gewohnt, im Spätherbst keine Singvögel zwitschern zu hören, aber diese Stille bereitete mir Unbehagen. Es war totenstill.
In den Stunden seit unserem Aufbruch von dem verlassenen Bauernhof hatten wir kaum ein Wort gewechselt. Aber als wir bereits die Mittagssonne hinter uns gelassen hatten, welche nur leicht durch die hohen Bäume schien, durchbrach ausgerechnet Wulfgar die Stille.
„Da vorne ist eine Lichtung“, gab er uns fast im Flüsterton zu verstehen. Woraufhin wir alle wieder hellwach und voller Anspannung waren. In der Mitte der Lichtung stand eine große alte Eiche, die trotz ihrer Größe schon ein wenig verrottet und abgestorben wirkte. Um die Eiche herum war ein Friedhof angelegt worden, welcher aus Gräbern mit recht primitiven Grabsteinen und einfachen Holzkreuzen bestand. Direkt im Anschluss an die Gräber befand sich die Ruine einer alten Kapelle, die mit dem eingestürzten Dach und den fehlenden Fenstern einen traurigen Anblick bot. Um das Areal herum erblickte ich die Überreste eines kleinen kniehohen Holzzauns, der über die Jahre hinweg nicht mehr erneuert worden war. Größtenteils war er niedergetrampelt worden und fügte sich nahezu perfekt in das Bild der alten Kapellenruine ein.
Wir trabten auf unseren Pferden auf die Kapelle zu und wollten an der Eiche vorbei, als wir zu unserer Rechten ein Knarren aus der Richtung des großen Baumes hörten. Dieses Geräusch ließ uns innehalten und schnelle Blicke tauschen. Wir ritten langsam um die Eiche herum, jeder mit der Hand am Griff seiner Waffe. Wulfgar und Kaleb hielten inne bei dem Anblick, der sich ihnen auf der anderen Seite des Baumes bot. Sie starrten den Baum fassungslos an. Ich kam als Letzter um die Eiche herum und erschrak beim Anblick der drei Seile, die von den dicken Ästen nach unten hingen. Eigentlich erschrak ich eher aufgrund dessen, was an den Seilen hing. Drei am Hals aufgehängte Leichen baumelten in der leichten Brise des Windes hin und her. Ihre Hände waren ihnen mit Stricken auf dem Rücken zusammengebunden und ihre Kleider entfernt worden. Der süßliche Verwesungsgeruch der natürlichen Zersetzung brachte meinen Magen fast dazu, das spärliche Mahl vom frühen Morgen auf dem Rücken meines Pferdes zu verteilen. Wir konnten noch erkennen, dass es wohl eine Familie gewesen sein musste. Es schien sich um einen Mann, eine Frau und einen kleinen Jungen von vielleicht zehn oder elf Jahren zu handeln. Wer auch immer diese drei Unglücklichen so gepeinigt hatte, wollte sie auch noch im Tod verspotten. Die Leichen waren nicht sonderlich hoch gehängt worden, was dazu geführt hatte, dass wahrscheinlich hungrige Wölfe die Füße und Unterschenkel bis zu den Knien abgefressen hatten. Nur an der Leiche des Mannes hing noch der rechte Unterschenkel. Die restlichen Knochen lagen abgenagt am Boden. Dies alles bot uns ein grausiges Bild, aber es gab noch etwas viel Beunruhigenderes an dieser unmenschlichen Tat. Es war der von Angst und Entsetzen geprägte Gesichtsausdruck, der noch auf den drei Leichen zu erkennen war. Allen voran der Ausdruck des kleinen Jungen, der mit offenem Mund in meine Richtung blickte. Mir war, als könnte ich den Todesschrei des Kindes noch in meinem Kopf hören.
Auf ein Kopfnicken von Kaleb hin, ritt Wulfgar näher heran und durchtrennte die Stricke, sodass die Überreste der gepeinigten Familie zu Boden fielen.
Ich wandte mich von dem erschreckenden Anblick der Gebeine ab und ritt näher an die Kapellenruine heran. Eigentlich war diese Ruine nichts Besonderes, aber etwas an ihr fand ich äußerst merkwürdig. Sämtliche Gottessymbole schienen vorsätzlich entfernt worden zu sein. Hatte wirklich jemand absichtlich die Kapelle entweiht? Warum sollte man dies tun, wenn doch das Gebäude ohnehin unbrauchbar war?
Ich ritt zurück zu den beiden anderen, als ich bemerkte, dass mein Pferd immer unruhiger wurde. Das treue Tier witterte irgendetwas im Nebel, was ich mit meinen Augen nicht ausmachen konnte. Ich tat dies als Hirngespinnst meinerseits ab, weil ich doch um meine Aufregung aufgrund des Leichenfundes wusste.
Ich berichtete den beiden anderen von meiner Entdeckung an der Ruine. Kaleb überging dies völlig.
„Wir müssen umgehend zu dem Dorf aufbrechen, was hier ganz in der Nähe liegt. Der Pfad in nordöstlicher Richtung sollte uns an unser Ziel führen, bevor die Dämmerung über uns hereinbricht.“
Kaum hatte er den Satz beendet, wurde auch sein Pferd unruhig und trat auf der Stelle.
„Wir sollten erst noch die Leichen begraben, wie es Brauch ist. Ich kann es als Kleriker nicht gutheißen, wenn die Gebeine hier einfach unter dem Baum liegen bleiben“, entgegnete ich energisch.
„Wollt Ihr etwa ein Loch in die frostige Erde graben?“, fragte er spöttisch. „Nur zu.“
Noch bevor ich etwas erwidern konnte, schaute Kaleb an mir vorbei in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Wulfgar hatte ihn mit einer Handbewegung auf etwas hinter mir hingewiesen, was auch meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ich drehte mich angsterfüllt um und erblickte zwei Augen, die gelblich leuchtend aus dem Nebel in unsere Richtung starrten. Plötzlich tauchte noch ein weiteres Augenpaar in unmittelbarer Nähe auf. In kurzer Zeit waren wir von fast zwei Dutzend dämonischen Augenpaaren umgeben, welche uns den Rückweg versperrten. Langsam kamen sie näher. Der Nebel gab die Silhouette von Wölfen preis, die in einem bemerkenswert großen Rudel zu jagen schienen. Ich hatte bisher noch nie von einem so großen Wolfsrudel gehört, was zudem noch hungrig genug war, um sich an drei Reiter heranzupirschen.
„Ihr könnt gerne hier bleiben und ein Grab für die Drei ausheben, was groß genug ist, dass Ihr auch noch Platz darin habt“, sagte Kaleb, während er die immer näher kommenden Wölfe nicht aus den Augen ließ.
Er wartete meine Antwort nicht ab, sondern drehte sein Pferd in Richtung des Dorfpfades. Wulfgar und ich folgten seinem Beispiel und ritten so schnell es ging hinterher. Ich blickte kurz zurück zu den Wölfen, die versuchten, uns einzuholen.
Mein Herz pochte mir bis zum Hals, als wir uns auf dem Pfad zum Dorf befanden. Das Knurren der Wölfe wurde immer lauter und zeigte mir unbarmherzig, dass das hungrige Rudel immer näher kam.

Auszug aus Folge 2

Die Nacht war kühl. Das Mondlicht erhellte eine kleine Lichtung im Wald. Nebelschwaden bedeckten den Boden, sodass ich meine eigenen Stiefel nicht mehr sehen konnte. Ein kalter Windhauch umwehte die bedrohlich wankenden Baumkronen und bereitete mir Unbehagen. In der Mitte der Lichtung stand eine große alte Eiche, die wie abgestorben wirkte. An ihr waren keine Blätter zu sehen, die im kühlen Nachtwind hätten wehen können. Die Borke des Baumes wirkte pechschwarz im Mondlicht. Irgendetwas schien sich dennoch auf der Oberfläche zu bewegen und schimmerte zwischen der Baumrinde. Oder war das alles nur Einbildung?
Ein Heulen aus dem Wald ließ mich herumwirbeln. Es war das Heulen eines Wolfes, der sich ganz in der Nähe befinden musste. Der Wolf verstummte abrupt, und es trat eine gespenstische Grabesstille ein, die nur spärlich von dem Rascheln der Blätter im Wind durchbrochen wurde.
„Seid gegrüßt“, ertönte urplötzlich eine Stimme, wodurch ich erschrocken herumfuhr. Vor der Eiche stand ein dunkel gekleideter, großer, hagerer Mann, der sein Gesicht unter seiner Kapuze versteckt hielt.
„Wer seid Ihr?“, wollte ich wissen, obwohl ich nicht mit einer ehrlichen Antwort rechnete.
„Was wollt Ihr denn über mich wissen, Nolan der Kleriker?“, lachte er laut und verstummte kurz darauf. Langsam griff er mit beiden Händen an die Kapuze und streifte sie zurück. Im blassen Mondlicht kam ein markantes Gesicht zum Vorschein mit einem Schatten über den Augenhöhlen. Die Augen saßen tief in seinem Schädel, dennoch war ich mir sicher, ein Aufblitzen gesehen zu haben.
„Mein Name ist für Euch nicht von Bedeutung. Meine Taten sind es schon eher“, begann er nach einer kurzen Pause.
„Ihr solltet wieder nach Neduras zurückkehren, Nolan, sonst könnte Euren Gefährten ein schlimmes Schicksal zuteilwerden“, fuhr er fort und seine Gesichtszüge formten sich zu einem hämischen Grinsen.
„Wollt Ihr mir drohen?“, fragte ich erstaunt. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, was diese Gestalt vorhatte.
„Schaut Euch doch nur um, wo Ihr Euch befindet“, sagte er und deutete auf den nebelbedeckten Boden. Als ich nach unten blickte, erkannte ich plötzlich Grabsteine im Nebel, die vorher nicht dort waren. Oder sind sie mir nur vorher nicht aufgefallen?
Ich blickte auf die Eiche, an der plötzlich drei Menschen an Seilen hingen, aufgeknüpft und mit auf den Rücken gebundenen Händen. Ich kannte ihre Gesichter nur zu gut. Es waren Calandra, Kaleb und Wulfgar, die mich aus ihren toten Augen verächtlich ansahen. Das Heulen setzte wieder ein und ich sah hunderte gelb leuchtender Augenpaare, die mich fixierten. Mein Herz schlug immer schneller, ich atmete keuchend und kalter Schweiß stand mir auf der Stirn.
Der dunkle Mann stand jetzt direkt vor mir und fixierte mich mit seinem starren, durchdringenden Blick.
„Ich bin der Bote des Unheils, die Wurzel der Verdammnis. Ich bringe den Menschen die Frucht der Saat, die sie selbst vor Äonen gesät haben, aus Gier nach Macht. Ich bringe zu Fall, was ihr aus Lügen aufgebaut habt und ihr werdet unter mir elendig zugrunde gehen.“
Mit einem Schrei erwachte ich schweißgebadet in dem kleinen Tempel. Ich atmete schnell und versuchte mich zu beruhigen. Ich hatte Calandra geweckt. Sie sah mich besorgt an.
„Es war nur ein Traum, Nolan. Legt Euch wieder schlafen. Es war nur ein einfacher Traum.“
Ich wünschte mir so sehr, dass sie recht gehabt hätte, doch ich wusste, dass ein Traum niemals so real sein konnte wie das, was ich gerade erlebt hatte.

Auszug aus Folge 3

Die Wachen ließen mich sofort in einen Raum eintreten, in dem Hauptmann Pendrik an einem Tisch saß und ein Mahl einnahm. Er legte das Stück Brot, von dem er gerade abgebissen hatte, zurück auf den Tisch und deutete mir mit einer Handbewegung an, mich zu setzen. Er spülte das Brot mit einem Schluck Wasser aus einem Becher herunter, bevor er sich mit neugierigem Blick mir zuwandte.
„Habt Ihr noch etwas Interessantes herausfinden können, Nolan?“
„Gewiss“, entgegnete ich, „Tarlon ist tatsächlich vom Dach gestürzt. Zumindest befindet sich eine Dachluke direkt über seinem ... ich meine seiner ...“
„Ich verstehe“, beendete Pendrik mein Gestammel. „Und was hat Euch der Besuch in der Bibliothek sonst noch für Erkenntnisse gebracht? Habt Ihr Weiteres in Erfahrung bringen können?“, wollte Pendrik wissen.
„Nun, ich habe in Tarlons Zimmer ein Notizbuch gefunden, was wohl übersehen wurde“, erwähnte ich mit einem Grinsen. Pendrik machte ein erstauntes und zugleich empörtes Gesicht.
„Das kann doch nicht wahr sein!“, murmelte er und starrte dabei auf die Tür, als könne er seine Soldaten durch das Holz mit seinen Blicken auspeitschen.
„Ich würde, bevor wir das Tagebuch untersuchen, noch gerne die Habseligkeiten des Klerikers in Augenschein nehmen, Hauptmann.“
„Aber natürlich“, lächelte er mich an.
Pendrik stand auf und holte aus einem Nebenraum einen großen Beutel, den er auf dem Tisch abstellte und öffnete. Ich begutachtete den Inhalt des Beutels, der sich als gewöhnlicher Umhängebeutel eines Reisenden entpuppte. Ein Dolch, ein Stück Seife, zwei Kerzen, etwas Salbe, eine Verbandrolle, ein Beutel Münzen und ein Gebetbuch. Es handelte sich hierbei um die gewöhnliche Sammlung von Gebeten, die im Orden gelehrt wurden.
„Außer diesen Dingen hatte er nur noch seine Kleider am Leib. Der Dolch war seine einzige Waffe.“
„Nun, wenn das alles ist, wird das Buch mit seinen Aufzeichnungen uns hoffentlich mehr Aufschluss geben“, sagte ich und sogleich machten Pendrik und ich uns daran, die Seiten zu studieren.

Wir blätterten eine ganze Weile in dem Buch, aber uns fiel nichts wirklich Interessantes auf. Die Einträge, die eher sporadisch und nicht kontinuierlich, wie in einem richtigen Tagebuch waren, gaben nur die für Tarlon wichtigen Augenblicke seines Lebens wieder. Ein paar Rezepte für einfache Salben, ein wenig Kräuterkunde, ein Bericht seiner Weihe zum Kleriker und ein paar persönliche Sätze über seine Familie bildeten bereits die spannendsten Eintragungen. Ein paar dieser Abschnitte waren sogar mit einem Datum versehen, wie zum Beispiel seine Klerikerweihe, sodass wir wussten, dass Tarlon bereits seit zwei Jahren als Kleriker im Dienste des Ordens stand. Auf der letzten Seite wurde es allerdings für uns interessant. Tarlon beschrieb einen speziellen Auftrag, der ihn nach Sinail führen sollte, um hier einen Gegenstand sicherzustellen. Um was es sich genau handelte, wusste er wohl selbst nicht. Er wusste nur, dass die Antworten über den Aufenthaltsort in der Bibliothek zu finden waren und dass er in den Chroniken der Stadt nach einer tragischen Begebenheit suchen musste.
Das alles warf nur noch mehr Fragen auf, als es uns Antworten bescherte. Besonders erstaunt war ich über die Tatsache, dass der Auftraggeber dieser Mission ein alter Bekannter von mir war: mein Ausbilder Abt Mesuka.

Auszug aus Folge 4

Paluk lachte und schlug seinem Freund Erim spielerisch auf die Schulter: „Und trink nicht so viel, sonst fällst du noch vom Wachturm.“
Erim lächelte nicht einmal mehr, wenn Paluk diesen uralten Witz machte. Er hätte Paluk vor Jahren nicht sagen sollten, dass Erims eigener Vater diesen Satz gesagt hatte, als er zum ersten Mal den Dienst als Wächter auf einem von Neduras Wachtürmen angetreten hatte. Seitdem hörte Erim diesen Satz von seinem Freund und Gefährten Paluk mehrmals die Woche.
Beide Soldaten des Königs mochten den Dienst auf dem alten Wachturm im Norden des Landes Neduras. Schließlich war die Sicherheit der Menschen in diesem Land von großer Bedeutung. Alle drei Monate kam die Ablöse und sie konnten wieder normalen Dienst in einer der Städte verrichten. Als Wächter auf einem Außenposten wie diesem zu arbeiten, brachte einem Soldaten einen kleinen Zuschuss beim Sold ein, und der Sold eines Soldaten von Neduras war nicht sonderlich hoch. Erim hatte sich schon immer gefragt, ob man ein wohlhabender Händler oder gar ein Adeliger sein musste, um eine große Familie ernähren zu können.
Im Moment lag für ihn der Gedanke an eine Familie noch in sehr weiter Ferne, weil er dazu das passende Gegenstück hätte finden müssen. Ein fast verlassener Wachturm im Norden von Neduras ist normalerweise nicht gerade der richtige Ort um eine Frau mit Paarungsabsichten zu treffen. So weit das Auge reichte, erblickte man wunderschöne Landschaften mit Wäldern, den Ausläufern der Gebirge im Norden und dem Gebirgspass, jedoch keine einzige Behausung und erst recht keine mit Menschen gefüllte Taverne.
„Lass uns noch ein wenig Holz nachlegen!“, sagte Paluk in einem Ton, der so trocken war wie seine Kehle.
Erim kannte Paluk schon so lange, dass er genau wusste, was Paluk damit sagen wollte. Erim sollte Feuerholz von unten holen und auf dem Weg zurück den Weinkrug nicht vergessen. Er fragte schon lange nicht mehr nach und stand von der alten Holzbank auf, auf der beide Soldaten sitzend ihre Wache verbrachten. Außer der Bank und der Feuerstelle in der Mitte gab es rein gar nichts auf der Plattform des zwanzig Mann hohen Turmes. Im Inneren war neben der Schlafstelle und den schier endlosen Stufen der Lagerraum der einzige Lichtblick während der dreimonatigen Wache mit Paluk. Die Vorräte brachten die Soldaten immer selbst aus der Stadt auf einem großen Karren mit, den sie mit Pferdegespann und einer Eskorte bis zum Turm ziehen ließen. Dieser Vorrat musste für drei Monate reichen. Wenn sie zu sehr schlemmen würden, hätten die Wachposten nur noch die Möglichkeit selbst jagen zu gehen, was in der Nähe des Turms am nördlichen Ende von Neduras nicht sehr vielversprechend wäre.
Als sich Erim streckte, um nach unten zu gehen, atmete er tief ein. Die kühle Luft in diesen frühen Morgenstunden mochte er am liebsten. Sie schmeckte so klar und frisch wie nichts Vergleichbares. In einer Hafenstadt wie Sinail, die dem Turm am nächsten stand, stank es ganz erbärmlich nach Abfall und totem Fisch. Besonders an Markttagen, also fast jeden Tag, war es kaum auszuhalten. Doch hier, auf dem hohen Turm am Gebirgspass, war es sehr angenehm.
Die Sonne war noch nicht ganz aufgegangen. Ein leichter Nebelschleier lag über dem Tal. Der Anblick der Gebirgsausläufer, die wie Giganten aus dem Nebel ragten, war unbeschreiblich schön. Darüber erkannte Erim die Wolken, die beinahe die Gletscher des majestätischen Nordgebirges berührten.
Zwischen den Wolken schien etwas aufzublitzen.
Sollte sich etwa ein Gewitter ankündigen?
Für Erim passte das ganz und gar nicht in das malerische Bild des nebligen Morgens. Die Wolkendecke öffnete sich und Erim glaubte, etwas Großes zwischen den Wolken fliegen zu sehen.
War das nur ein Schatten?
Er war wohl noch nicht ganz wach und rieb sich die Augen. Kurz darauf wirbelte etwas in den Wolken hin und her.
„Paluk, sieh dir das mal an!“, rief er zu seinem Kumpanen herüber. Erim trat näher an die Turmzinnen und winkte Paluk eifrig heran, ohne den Blick von dem eigenartigen Schauspiel zu nehmen. Es war viel zu windstill, um das zu erklären.
„Was ist denn jetzt schon wieder? Siehst du mittlerweile Gespenster?“, spottete Paluk, während er sich schwerfällig von der Bank erhob.
„Sieh dir mal die Wolke dort oben an. Es weht kein Wind, doch diese Wolke hat ein Eigenleben“, sagte Ermin und zeigte mit ausgestrecktem Arm in Richtung Norden.
Beide Soldaten starrten minutenlang auf die Wolkendecke. Doch es passierte nichts. Nach einer Weile grinste Paluk zu seinem Kumpanen herüber.
„Du willst mich so früh am Morgen wohl veralbern“, sagte Paluk schmunzelnd und stieß Erim spielerisch seinen Ellenbogen in die Seite.
„Nein, nein!“, sagte Erim fassungslos. „Da war wirklich etwas in der Wolke. Etwas Großes flog dort hin und her. Das war irgendwie unheimlich.“
Erim spürte den musternden Blick Paluks auf sich ruhen.
„Da ist rein gar nichts, Erim. Du bist noch von gestern betrunken“, sagte Paluka erbost.
„Nein. So glaub mir doch!“, bettelte Erim.
Noch bevor Paluk antworten konnte, hörten beide ein eigenartiges Kreischen über sich. Sie rissen die Köpfe hoch und erstarrten vor Angst. Etwas Dunkles und Großes stürzte sich auf sie herab. Panisch wichen sie zurück, aber auf dem Wachturm gab es keinen Unterschlupf, nur die Treppe nach unten. Eine große Feuerkugel erhellte den morgendlichen Himmel wie eine zweite Sonne. Bevor Erim reagieren konnte, stand Paluk in Flammen und er selbst nur einen Augenblick später. Die Wucht, mit der das Feuer auf die Soldaten traf, riss Erim an den Rand des Wachturms und über die Zinnen hinweg.
Erim spürte die Hitze durch den Wind beim Fallen nicht sonderlich stark. Er merkte nicht einmal, dass er schrie. Nur einen Moment später schlug er auf dem Boden auf.
Es wurde dunkel um ihn herum.
Für immer.

Auszug aus Folge 5

Die kleine Kerkerzelle war alles andere als gemütlich. Bisher waren die Aufenthalte Takalurs in solchen Unterkünften immer recht kurz ausgefallen. Das lag zum größten Teil daran, dass man ihm nie wirklich etwas nachweisen konnte. Dieses Mal war es leider etwas anderes. Er konnte sich nicht herausreden und seine Beteiligung abstreiten. Schließlich wurde er bewusstlos geschlagen und hatte zu dem Zeitpunkt noch das Diebesgut bei sich. Aber er würde sicherlich einen Ausweg aus dieser misslichen Lage finden. Zur Not würde er ein paar Namen von weiteren Mittelsmännern in Sinail preisgeben. Dieses Pack war es nicht wert, dass man sein Leben für es hergab und sich am Galgen noch etwas von Diebesehre einredete. Takalur würde danach die Stadt verlassen und an einem neuen Ort seinem Handwerk nachgehen. Pagal hatte er auf seinen Reisen bisher vernachlässigt. Vielleicht war es an der Zeit, das zu ändern und mal einen Abstecher über das Meer zu wagen. Eine kleine Insel klang schon verlockend und wäre mal eine willkommene Abwechslung.
In der kleinen Zelle war er allein und saß in eine Ecke gekauert. Ein Tisch, Stühle oder etwa ein Strohlager suchte man hier vergebens. Es gab kein Fenster nach draußen und nur das spärliche Licht der Fackel aus dem Wachraum. Nicht mal eine Unterhaltung konnte man hier führen. Takalur konnte keine Gefangenen in den anderen drei Zellen ausmachen. Gehörten Diebe in Sinail zu einer aussterbenden Rasse?
Der große Raum in der Mitte der Zellen war zumindest mit einem Tisch und einigen Hockern ausgestattet. Hier saß meistens eine übergewichtige Wache, die normalerweise nicht auf Zuruf reagierte. Ob der Mann taub war, konnte Takalur nicht genau sagen. Zumindest schien er stumm zu sein. Selbst wenn sie ihm das Essen brachte, oder zumindest das, was man mit viel Wohlwollen als Essen bezeichnen konnte, sprach er kein Wort.
Ein Schatten baute sich vor Takalurs Zelle auf. Da es noch lange nicht Essenszeit war, sah er erschrocken auf. Er sprang wie von der pagalesischen Schlupfwespe gestochen hoch. Vor dem Zellengitter stand der Wanderer in seinem unscheinbaren Kapuzenumhang, der auch einem Tagelöhner hätte gehören können. Wie um alles in der Welt war er hier reingekommen? Takalur wollte schon nach der Wache rufen, bemerkte aber, dass der dicke Soldat reglos mit dem Kopf auf dem Tisch lag. Der Wanderer folgte Takalurs Blick und drehte sich um.
„Keine Sorge, mein Guter. Die Wache schläft nur. Er hat wohl etwas zu tief in den Bierkrug geschaut“, grinste der Mann düster und machte eine abwertende Handbewegung.
Der Wanderer hatte einen großen Stock bei sich, auf den er sich leicht stützte. Der geheimnisvolle Mann war zwar spindeldünn, wirkte jedoch keinesfalls gebrechlich.
„Was zum Henker wollt Ihr?“, platzte es aus Takalur heraus.
„Zunächst möchte ich mich für die grobe Art meines Untergebenen entschuldigen. Soweit ich gehört habe, war es Ulangu, der Euch so zugerichtet hat“, sagte der Wanderer und deutete auf die blauen Flecke in Takalurs Gesicht.
Takalur glaubte ihm kein einziges Wort. Warum sollte sich ein so mächtiger Mann bei einem einfachen Dieb entschuldigen. Von den Wachen hatte Takalur erfahren, was sich in der Taverne nach seinem Verschwinden abgespielt hatte. Diese Freundlichkeit passte nicht ins Bild.
„Des Weiteren wollte ich Euch einen Handel vorschlagen“, fuhr der düster aussehende Mann fort.
„Einen Handel? Ich habe Eure verdammte Schatulle nicht mehr. Aber das wisst Ihr sicherlich“, entgegnete Takalur.
„Selbstverständlich weiß ich das. Ich habe aber trotzdem noch eine weitere Aufgabe für Euch, die ich Euch eigentlich bereits in der Taverne unterbreiten wollte.“
„Warum sollte ich diesen Auftrag annehmen?“, fragte der Dieb misstrauisch.
„Da Ihr sicher nicht am Galgen baumeln wollt, würde ich Euch fürs Erste hier herausholen und Euch nach verrichteter Arbeit fürstlich entlohnen“, lächelte der Wanderer.
„Die Art der Entlohnung, die Eric erhalten hat?“, Takalur wurde zynisch. Er wusste selbst nicht, warum er in dieser Situation so etwas sagte. Aber sein Leben stand so oder so auf Messers Schneide.
„Aber nicht doch, mein guter Takalur“, versicherte der Wanderer. „Bei allem, was ich an Macht besitze, kann ich dennoch nicht in den Adlerturm eindringen. Ich benötige genau an diesem Ort Eure speziellen Fähigkeiten.“
Takalur überdachte seine Chancen. Er stand im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Rücken zur Wand.
„Erzählt mir mehr über diesen Auftrag“, erwiderte er und hörte gespannt den Ausführungen des Wanderers zu.

Auszug aus Folge 6

Die Sonne neigte sich dem Horizont entgegen. Takalur wurde, an den Händen gefesselt, von zwei Männern aus der Stadt gebracht. Auf einem fast zugewachsenen Pfad führten sie ihn in nördlicher Richtung durch den Wald. Nach einiger Zeit war selbst der Weg verschwunden und nur noch Waldboden zu sehen. Kurz vor den Klippen, an deren Felsen sich dreißig Meter tiefer die Wellen brachen, öffnete sich der Wald zu einer Lichtung, auf der Takalur einen alten Friedhof erkannte. Dieser bestand aus zwei Dutzend moosbewachsenen Grabsteinen, auf denen man die Inschriften nicht mehr erkennen konnte. Die Lichtung wirkte wie ein See aus Gras und Moos, aus der die Grabsteine wie Felsen in der Brandung emporragten. Direkt an den Klippen, und somit auf der gegenüberliegenden Seite des kleinen Friedhofs, befand sich eine alte und fast verfallene Holzhütte. Diese Behausung war das Ziel der Reise, welche die beiden Gefolgsleute von Meraluk mit Takalur unternommen hatten. Der Dieb aus Neduras fand sich kurz darauf in der Hütte wieder, in welcher ihn die beiden Männer an einen Stuhl fesselten. Bereits in der Taverne hatten die beiden Takalur sämtliche Waffen abgenommen. Was sie allerdings nicht gefunden hatten, war der fingerlange Eisenstab, der in Takalurs linkem Ärmel eingenäht war. Dessen sehr dünne Spitze eignete sich hervorragend für Attentate. Ein geschickter Assassine konnte dieses Stück Eisen, das kaum dicker war als ein Federkiel, seinem Opfer im entscheidenden Moment in Lunge, Herz oder die Kehle rammen. Das war Takalurs einzig verbliebener Trumpf. Aber bisher hatte sich noch keine passende Gelegenheit zum Handeln ergeben. Seine beiden Aufpasser ließen ihn keinen Augenblick alleine und behielten Takalur immer gemeinsam im Auge.
Neben der versteckten Waffe hatte Takalur immer noch die alte Kupfermünze aus Sinail bei sich. Seine Aufpasser schienen von Meraluk gut entlohnt zu werden, weshalb sie Takalur nicht nach Geld oder Wertgegenständen durchsucht hatten. Zum Glück wusste niemand in Pagal von der Bedeutung der kleinen Münze. Genau genommen nicht einmal Takalur selbst. Für diesen mysteriösen Wanderer schien sie sehr wertvoll zu sein. Wenn er nur herausfinden könnte, was es mit diesem Geldstück auf sich hatte.
Außer dem Stuhl, auf dem Takalur mit auf dem Rücken gebundenen Händen saß, gab es in der Hütte nur einen kleinen Tisch und ein paar Decken, die als Nachtlager dienen sollten. Einen Jutesack mit Verpflegung hatten sie aus der Stadt mitgebracht und auf den Tisch gelegt. Anscheinend sollten sie in der Hütte länger auf Nachricht warten.
„Warum bin ich eigentlich hier und nicht im Palast von Pagal? Solltet ihr mich nicht an die Baroness ausliefern, wie es euch Meraluk befohlen hat?“, fragte Takalur.
Seine beiden Wachen behielten ihn und den Friedhof genau im Auge.
„Rate mal, was passieren würde, wenn wir dich zur Baroness bringen würden, du Trottel? Sie würde uns alle drei am Galgen baumeln lassen“, antwortete einer der Männer, der Takalur mit seiner Glatze, den abstehenden Ohren und den schiefen Zähnen an einen Trunkenbold aus Finsterwald erinnerte. Takalur hatte dem Säufer damals regelmäßig das Geld gestohlen, das er nicht bereits in Gerstensaft umgewandelt hatte. Im Nachhinein betrachtet, hatte Takalur damit, seiner Meinung nach, eine gute Tat begangen. Nicht, dass Takalur etwas für gute Taten übrig gehabt hätte. Er gab keinen stinkenden Pferdeapfel auf das Wohlergehen anderer. Takalur hatte nur das Gefühl, das damit beiden Seiten geholfen war. Takalur hatte mehr Geld in der Tasche gehabt und der Trunkenbold hatte sich nicht zu Tode gesoffen. Wenn alle Seiten einen Nutzen davon hatten, wie konnte Stehlen dann unter Strafe stehen?
„Deshalb“, fügte der andere Gefolgsmann von Meraluk hinzu, „verstecken wir solch Abschaum wie dich hier. Sollte unser Unterhändler bei der Baroness keine Belohnung für uns herausschlagen können, schmeißen wir dich von den Klippen.“
Die beiden Männer lachten und funkelten Takalur aus ihren verschlagenen Augen an.
„Ich bin also Abschaum?“, fragte Takalur erstaunt.
„Aber ja“, sagte der Glatzkopf belustigt.
„Wir sind alle Meister derselben Zunft. Wenn ich Abschaum bin, was seid dann ihr?“, grinste Takalur zufrieden.
„Schweig!“, brüllte der Glatzkopf, „Du bist nicht aus Pagal, also bist du nur Dreck wert!“
Stille trat ein, in der nur die Wellen zu hören waren, die gegen die Klippen schlugen. Takalur grinste noch viel zufriedener. Der Glatzkopf ließ sich also leicht reizen. Das würde Takalur sicher helfen, wenn der andere ihn mit dem Haarlosen alleine lassen würde. Sollte er Takalur ruhig einen Kinnhaken versetzen. Wenn Takalur die Felseln lösen könnte und an seine versteckte Waffe kommen würde, hätte der Glatzkopf schneller ein scharfes Eisen zwischen seinen Rippen, als ihm das lieb wäre. Der Dieb aus Neduras musste nur auf den richtigen Augenblick warten. Nur hier hatte er die Möglichkeit zu fliehen. Am Galgen der Baroness oder am Fuß der Klippen standen seine Chancen ungleich schlechter.