Die Münze des Schicksals

Die Neduras Saga - Folge 6 (Fantasy)


Der Dieb Tarkalur versteckt sich auf seiner Flucht vor den Mächten der Finsternis auf der Insel Pagal. Meister Kelvar und Abt Mesuka schicken ihre fähigsten Männer auf die Suche nach dem Dieb und vor allem nach dem tödlichen Kleinod, was Tarkalur bei sich trägt. Doch auch der geheimnisvolle Wanderer hat seine Hände im Spiel. Weder die Baroness von Pagal noch die Bewohner der Insel können erahnen, welches Unheil über Pagal hereinzubrechen droht.


ISBN 9783842379305
60 Seiten (Paperback)
4,00 EUR (print)
3,99 EUR (ebook)

Amazon Shop
Amazon Direktlink
Neduras bei Facebook



Leseprobe

Auszug aus Folge 6

Die Sonne neigte sich dem Horizont entgegen. Takalur wurde, an den Händen gefesselt, von zwei Männern aus der Stadt gebracht. Auf einem fast zugewachsenen Pfad führten sie ihn in nördlicher Richtung durch den Wald. Nach einiger Zeit war selbst der Weg verschwunden und nur noch Waldboden zu sehen. Kurz vor den Klippen, an deren Felsen sich dreißig Meter tiefer die Wellen brachen, öffnete sich der Wald zu einer Lichtung, auf der Takalur einen alten Friedhof erkannte. Dieser bestand aus zwei Dutzend moosbewachsenen Grabsteinen, auf denen man die Inschriften nicht mehr erkennen konnte. Die Lichtung wirkte wie ein See aus Gras und Moos, aus der die Grabsteine wie Felsen in der Brandung emporragten. Direkt an den Klippen, und somit auf der gegenüberliegenden Seite des kleinen Friedhofs, befand sich eine alte und fast verfallene Holzhütte. Diese Behausung war das Ziel der Reise, welche die beiden Gefolgsleute von Meraluk mit Takalur unternommen hatten. Der Dieb aus Neduras fand sich kurz darauf in der Hütte wieder, in welcher ihn die beiden Männer an einen Stuhl fesselten. Bereits in der Taverne hatten die beiden Takalur sämtliche Waffen abgenommen. Was sie allerdings nicht gefunden hatten, war der fingerlange Eisenstab, der in Takalurs linkem Ärmel eingenäht war. Dessen sehr dünne Spitze eignete sich hervorragend für Attentate. Ein geschickter Assassine konnte dieses Stück Eisen, das kaum dicker war als ein Federkiel, seinem Opfer im entscheidenden Moment in Lunge, Herz oder die Kehle rammen. Das war Takalurs einzig verbliebener Trumpf. Aber bisher hatte sich noch keine passende Gelegenheit zum Handeln ergeben. Seine beiden Aufpasser ließen ihn keinen Augenblick alleine und behielten Takalur immer gemeinsam im Auge.
Neben der versteckten Waffe hatte Takalur immer noch die alte Kupfermünze aus Sinail bei sich. Seine Aufpasser schienen von Meraluk gut entlohnt zu werden, weshalb sie Takalur nicht nach Geld oder Wertgegenständen durchsucht hatten. Zum Glück wusste niemand in Pagal von der Bedeutung der kleinen Münze. Genau genommen nicht einmal Takalur selbst. Für diesen mysteriösen Wanderer schien sie sehr wertvoll zu sein. Wenn er nur herausfinden könnte, was es mit diesem Geldstück auf sich hatte.
Außer dem Stuhl, auf dem Takalur mit auf dem Rücken gebundenen Händen saß, gab es in der Hütte nur einen kleinen Tisch und ein paar Decken, die als Nachtlager dienen sollten. Einen Jutesack mit Verpflegung hatten sie aus der Stadt mitgebracht und auf den Tisch gelegt. Anscheinend sollten sie in der Hütte länger auf Nachricht warten.
„Warum bin ich eigentlich hier und nicht im Palast von Pagal? Solltet ihr mich nicht an die Baroness ausliefern, wie es euch Meraluk befohlen hat?“, fragte Takalur.
Seine beiden Wachen behielten ihn und den Friedhof genau im Auge.
„Rate mal, was passieren würde, wenn wir dich zur Baroness bringen würden, du Trottel? Sie würde uns alle drei am Galgen baumeln lassen“, antwortete einer der Männer, der Takalur mit seiner Glatze, den abstehenden Ohren und den schiefen Zähnen an einen Trunkenbold aus Finsterwald erinnerte. Takalur hatte dem Säufer damals regelmäßig das Geld gestohlen, das er nicht bereits in Gerstensaft umgewandelt hatte. Im Nachhinein betrachtet, hatte Takalur damit, seiner Meinung nach, eine gute Tat begangen. Nicht, dass Takalur etwas für gute Taten übrig gehabt hätte. Er gab keinen stinkenden Pferdeapfel auf das Wohlergehen anderer. Takalur hatte nur das Gefühl, das damit beiden Seiten geholfen war. Takalur hatte mehr Geld in der Tasche gehabt und der Trunkenbold hatte sich nicht zu Tode gesoffen. Wenn alle Seiten einen Nutzen davon hatten, wie konnte Stehlen dann unter Strafe stehen?
„Deshalb“, fügte der andere Gefolgsmann von Meraluk hinzu, „verstecken wir solch Abschaum wie dich hier. Sollte unser Unterhändler bei der Baroness keine Belohnung für uns herausschlagen können, schmeißen wir dich von den Klippen.“
Die beiden Männer lachten und funkelten Takalur aus ihren verschlagenen Augen an.
„Ich bin also Abschaum?“, fragte Takalur erstaunt.
„Aber ja“, sagte der Glatzkopf belustigt.
„Wir sind alle Meister derselben Zunft. Wenn ich Abschaum bin, was seid dann ihr?“, grinste Takalur zufrieden.
„Schweig!“, brüllte der Glatzkopf, „Du bist nicht aus Pagal, also bist du nur Dreck wert!“
Stille trat ein, in der nur die Wellen zu hören waren, die gegen die Klippen schlugen. Takalur grinste noch viel zufriedener. Der Glatzkopf ließ sich also leicht reizen. Das würde Takalur sicher helfen, wenn der andere ihn mit dem Haarlosen alleine lassen würde. Sollte er Takalur ruhig einen Kinnhaken versetzen. Wenn Takalur die Felseln lösen könnte und an seine versteckte Waffe kommen würde, hätte der Glatzkopf schneller ein scharfes Eisen zwischen seinen Rippen, als ihm das lieb wäre. Der Dieb aus Neduras musste nur auf den richtigen Augenblick warten. Nur hier hatte er die Möglichkeit zu fliehen. Am Galgen der Baroness oder am Fuß der Klippen standen seine Chancen ungleich schlechter.